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Windhunde sind anders – Geschichtliche Tradition des Windhundes, gestern – heute

(Text von Ingeborg Schritt)

Um die Windhundart besser kennenzulernen, ist es wichtig zu wissen, wie sie früher gehalten und nach welchen Gesichtspunkten gezüchtet und selektiert wurde. Der Schlüssel zum Verständnis ihres Wesens ist ihre uralte Tradition, ihre Verwendung.

Die Geschichte des Windhundes ist so alt wie die frühesten menschlichen Kulturen. Beim Windhund handelt es sich wahrscheinlich um den ersten Gehilfen des Menschen, gezähmt und gezüchtet, das flüchtige Wild zu verfolgen – der verlängerte Arm seines jagenden Meisters, weit über den Radius aller mechanischen Waffen hinaus – an Schnelligkeit dem schnellsten Wilde gleich. Bis heute blieb die charakteristische Gestalt des Windhundes unverändert, hochläufig, geschmeidig, ganz ihrem Zweck entsprechend. Auch in Wesen, Charakter und Instinkt gleichen die heutigen Windhunde weitgehend ihren Ahnen.

Das Leben der Windhunde verläuft noch heute bei manchen Volksstämmen getreu uralter Tradition. Wir treffen sie an wie vor Jahrtausenden, unverändert im äußeren Erscheinungsbild und im Gebrauch: neben den Reittieren Pferd oder Kamel, neben dem Jagdgefährten Falke, im Besitz der stolzen, unabhängigen Wüstennomaden, der Zeltbewohner, oder in Koppeln gehalten und eingesetzt zum exklusiven Jagdvergnügen mächtiger Scheichs.

Während es sich bei der in hochgestellten Kreisen gepflegten Windhundjagd um ein zum Vergnügen veranstaltetes Ereignis handelt, dient die Windhundjagd bei den Beduinen echt der Nahrungsbeschaffung. Saluki und Sloughi sind die Fleischversorger der Familie. Daher leben sie auch in engster Lebens- und Wohngemeinschaft mit ihren Besitzern. Sie gehen im Zelt ein und aus, sie schlafen mit auf dem menschlichen Lager, sie werden betreut und liebkost, wogegen die Wachhunde stets außerhalb des Lagers auf Distanz bleiben. So genießt der Windhund im Orient eine – im Hinblick auf andere Hundearten – unvergleichliche Vorzugsstellung.

Über den Orient hinaus war der Windhund schon früh in der antiken Welt, auch in Europa, verbreitet worden. Offensichtlich waren in dem uns recht gut bekannten Zeitraum, der tausend Jahre vor Christi Geburt beginnt und mit der neueren Zeit endet, die Haltung und der Gebrauch von Windhunden ausschließlich Privileg von Angehörigen der herrschenden Oberschicht. Windhunde waren seit je eine Kostbarkeit. Sie stellten ein exklusives Statussymbol dar und waren daher auch nicht wie irgendeine Ware käuflich oder verkäuflich. Sie wechselten höchstens bei besonderen Anlässen als fürstliche Geschenke den adeligen Besitzer. Die Zucht war die Voraussetzung für die Haltung und Benutzung von Windhunden für die Jagd. Bis in die letzten Jahrhunderte hatte der Adel allein das Privileg der Jagd – damit auch der Windhundjagd, ihrer Haltung und Zucht. “Der Aristokrat unter den Hunden – der Hund der Aristokraten”. Keinem Bürgerlichen kam dieses Recht zu und keinem Bürgerlichen hatte deshalb auch je der Besitz eines Windhundes zugestanden.

In den Weiten des zaristischen Russlands war die Jagd mit Barsois auf den Wolf eine der exklusivsten Sportbetätigungen der herrschenden Oberschicht und der aristokratischen Großgrundbesitzer. In unseren europäischen Ländern war die Jagd mit dem Greyhound bzw. seinen Vorgängern ausschließlich dem Adel vorbehalten. Lediglich die Whippets, die entwicklungsgeschichtlich die jüngste Windhundrasse sind, stellen so etwas wie einen revolutionären Windhundtyp dar, der gerade deshalb gezüchtet und gefördert wurde, um damit die aristokratischen Privilegien der Windhundjagd brechen zu können.

Heute haben sich die Zeiten gewandelt. Der Adel mit seinen Vorrechten und dem großen Ländereibesitz ist verschwunden. Die freie Jagd mit dem Windhund ist weitgehend unmöglich geworden. Durch die geschichtlichen und soziologischen Entwicklungen haben die Windhunde bei uns ihre eigentliche Aufgabe verloren. Windhundzucht ist in “bürgerliche” Hände übergegangen. Obwohl wir schon lange nicht mehr auf die Dienste des Windhundes angewiesen sind und unsere Jagd weitgehend nur noch mit mechanischen Hilfsmitteln betreiben, ist der Windhund bei uns heimisch. Ja, er wird zunehmend beliebter. Jetzt kommt ihm seine Schönheit zugute, um derentwillen er geliebt und bewundert wird. Motiv für die Windhundzucht ist nicht mehr der Nutzeffekt, den man aus seinen Jagdeigenschaften zieht, sondern einfach der Reiz, der in seiner außergewöhnlichen Erscheinung und seinem interessanten Wesen liegt. Die Jagdeigenschaften prädestinieren ihn zu sportlichen Wettkämpfen, in denen der moderne Mensch und der heutige Windhund eine neue Betätigung finden.

Im Gegensatz zu Ländern, in denen Windhundrennsport gewerblich betrieben wird, findet bei uns der Windhundsport rein als Ausgleich für den Hund und aus Freude am sportlichen Kräftemessen statt. Er dient der artgemäßen Betätigung der Windhunde und stellt damit eine tierschützerische Maßnahme dar, die an die jahrtausendealte Tradition der Windhunde anknüpft.