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Äußere Erscheinung, Wesen und Temperament

In den verschiedenen Windhundrassen begegnet uns eine Gruppe Hunde, die sich sowohl durch ihr Äußeres als auch durch ihre Eigenschaften stark von allen anderen Rassen unterscheidet.

Den Windhunden sind besondere anatomische Proportionen eigen: ein in der Tiefe enorm ausgeprägter Brustkorb, stark aufgezogene Bauchpartie, hohe, schlanke Läufe, spannkräftiger Rücken, langer Hals und langer, schmaler Kopf. Durch diese ausgefeilt Anatomie und ihre stolze Haltung wirken Windhunde ausgesprochen elegant.
Das Auftreten eines Windhundes in der Öffentlichkeit löst meist spontane Reaktionen aus und fordert die Kommentare der Umwelt heraus. Verblüffung über die ungewohnte Erscheinung und – nachdem das Auge ganz erfasst hat, was es sieht – Entzücken und Bewunderung bei den einen oder einfach Unverständnis für den “dünnen Hund” bei anderen.

Ein Windhund in guter Kondition ist schlank und trocken. Ja bei den kurzhaarigen Rassen soll man die Rippen und Hüftknochen sehen sowie das Spiel der Sehnen und Muskeln. Dies wird nicht etwa, wie manche Beobachter missverständlich rückschließen, durch mangelhafte Fütterung erreicht. Kraftvolle federnde Schlankheit bei seidig glänzendem Fell ist vielmehr das Ergebnis einer hochwertigen Fütterung, verbunden mit artgerechtem Auslauf.
Auch die manchmal von Unwissenden vorgebrachte Vermutung der Überzüchtung geht fehl. Gerade Windhunde präsentieren sich in einer seit Jahrtausenden unveränderten Gestalt, welche ihnen körperliche Höchstleistungen ermöglicht, verbunden mit äußerst wachen Sinnen. Dabei ist der normale Windhund von großer Zähigkeit, charakterlicher Ausgeglichen und Nervenstärke. Die Gestalt des Windhundes ist ausgewogen und vollkommen eingerichtet für die Betätigung, die für das Laufwesen Hund und seine Vorfahren zu allen Zeiten die normale war, das Laufen und Rennen nämlich. Das Nebenprodukt sozusagen ist eine ästhetische Schönheit, eine Leichtigkeit wie die einer Gazelle, mit deren Schnelligkeit der orientalische Windhund sich misst.

Windhunde sind anders – das trifft besonders auch auf ihr Wesen zu. Der Windhund ist vielleicht die am wenigsten “hündische” unter allen Rassen. Wie soll man beschreiben, was den Unterschied ausmacht? Man trifft es am besten im Vergleich mit einer anderen Tiergattung – der Katze, zu deren Art es viele Parallelen gibt. Das trifft besonders auf die Orientalen unter den Windhunden zu. Sie besitzen ein in sich ruhendes Wesen, sind über viele Dinge “erhaben”, wirken ruhig und stolz. Ein Windhund kann seinem Besitzer minutenlang in die Augen blicken, ohne den Blick abzuwenden. Dabei hat man keineswegs den Eindruck, er fühle sich dem Menschen irgendwie unterlegen. Man meint, in ihm manchmal etwas Sphinxhaftes wahrzunehmen. Der Windhund ist kein Sklavengeist, kein Befehlsausführer im Sinne von “zackigem Parieren”. Bei der Zucht der Windhunde war nicht die Dressurführigkeit auf absoluten Gehorsam Zuchtziel. Dadurch unterscheiden sie sich von den Hunden, die wir landläufig als Gebrauchshunde verstehen. Wir sollten diese Eigenschaft also bei ihnen nicht voraussetzen. Dadurch, dass Windhunde den Dressurwünschen des Menschen weniger zugänglich sind, sind sie keineswegs etwa “dümmer” als andere, darauf spezialisierte Rassen. Sie sind nur anders.

Die meisten Hunderassen sind zu Spezialisten gemacht worden. Die Dressierbarkeit auf verschiedene Arbeiten wie z.B. Fährtensuchen, Vorstehen, Verbellen, Apportieren, Hüten, Wachen, Schützen, Ausführen verschiedener Kommandos, ist bei ihnen zu finden.

Dabei sind auch Windhunde letzten Endes Gebrauchshunde, nur in anderer Beziehung. Ihre Dienste für den Menschen sind anderer Art und verlangen daher auch ganz andere Voraussetzungen. Die Aufgabe, auf die der Windhund spezialisiert ist, ist die Jagd. Dazu war das Vorhandensein ganz anderer Eigenschaften erforderlich. Nicht das starke Abhängigsein von den unmittelbaren Befehlen des Menschen, sondern im Gegenteil: größte Selbständigkeit, Eigenüberlegung, Eigenentscheidung und auf sich gestelltes Handeln in seinem Metier, der Jagd.

Der Windhund ist ein Tier, das den Menschen eigentlich gar nicht brauchte. Er könnte selbständig leben und sich ernähren. Er leiht jedoch seinem Besitzer, wie das noch heute in entsprechenden Erdteilen der Fall ist, seine Dienste. Er versorgt seinen Herrn mit Fleisch. Im Grunde wäre er existenziell unabhängig. Das manifestiert sich dann auch in seinem Wesen, in stolzer Selbständigkeit.

Nun sind Windhunde zwar im zivilisierten Europa ihrer Jagdaufgabe ledig. Jahrtausendelange Lebensweise in diesem Sinn lässt sich jedoch nicht einfach auslöschen. Der Windhund jagt heute nicht mehr frei, er ist aber der stolze Individualist geblieben, der Gast aus fernen Ländern und fernen Zeiten. Als Partner des Menschen ist er bereit, seine Freundschaft zu schenken – jedoch muss diese Beziehung auf Gegenseitigkeit beruhen. Ein Besitzer, der ihn in eine nicht seiner Art entsprechende Lebensform hineinpressen will oder Dinge von ihm verlangt, die er nicht geben kann, wird mit ihm nicht glücklich werden. Gleichermaßen wird er den liebenswerten Windhundcharakter zerbrechen.

Dabei ist dieser eigenständige Windhund zärtlich und liebevoll in seiner Freundschaft zum Menschen. Er beansprucht seinen Platz in der menschlichen Familie, in der er voll integriertes Mitglied sein will. Er ist eingerichtet auf ein inniges Verhältnis im Zusammenleben mit seinen Menschen. Er schätzt die nächste Nähe zum Menschen und genießt seine Aufmerksamkeit und Bezeugungen der Zuneigung mit großer Genugtuung. Es gibt zwar auch hier Unterschiede von Rasse zu Rasse, so dass die eine Art als reservierter und die andere als kontaktwerbender beschrieben werden kann. Diese Einzelheiten mögen auch aus den Rassebeschreibungen entnommen werden. Auch zwischen einzelnen Individuen oder Rüde und Hündin kommen Unterschiede vor. Es kann und muss jedoch übereinstimmend festgestellt werden, dass der Windhund die menschliche Nähe liebt und sich sehr gern in enger Gemeinschaft mit seinen Menschen aufhält. Manche werden im Windhund ein lebhaftes, unruhiges Tier vermuten, das in der Wohnung nur unter Schwierigkeiten zu halten ist. Das Gegenteil ist der Fall. Im Haus sind Windhunde so ruhig, dass sich ihre Anwesenheit kaum bemerkbar macht, auch dann nicht, wenn mehrere Hunde gehalten werden. Dabei ist es die Eigentümlichkeit der Windhunde, dass die kleineren Rassen die lebhafteren sind. Je größer die Rasse, desto ruhiger und gelassener sind sie.

Zwei Seelen wohnen sozusagen in der Windhundbrust. Auf der einen Seite ein ruhiger, sanfter Hausgenossen, der die Bequemlichkeit liebt; er verachtet den Komfort keineswegs und lässt sich verwöhnen. Auf der anderen Seite geballte Energie, wenn sein Einsatz kommt.

Das ist das Faszinierende: das scheinbar Gegensätzliche. Gelassenheit und energiegeladene Aktion, Unabhängigkeit und Sich-Anschließen, Eigenwilligkeit und freundschaftliche Partnerbeziehung, Freiheit suchen und freiwillig zurückkehren. Viele Windhunde kommen auch auf Ruf zurück – und wenn nicht auf den ersten, dann doch auf den zweiten.